Die ersten Juden in Sulzbürg

Dass in Sulzbürg einst eine starke Judengemeinde lebte, ist weithin bekannt. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts machte sie ca. ein Drittel der Gesamtbevölkerung dieses Marktfleckens aus.
Was bisher nicht genau nachgewiesen werden kann, ist ihr erstes Auftreten im Landl.
Durch Lesefehler oder falsche Übersetzung der entsprechenden Stelle in der ,,Historia Genealogica Dominorum et Comitum de Wolfstein, Frankfurt 1726, von David Koeler" und anderen Unterlagen, schlichen sich schon frühzeitig Fehler in die Sulzbürger Judengeschichte ein. Sie wurden durch ständiges Übernehmen bis auf den heutigen Tag erhalten. Die Behauptung, dass 12 Judenfamilien 1371 auf der Flucht vor Pogromen in Neumarkt über den sogenannten Judensteig nach Sulzbürg gekommen seien, ist jedoch längst als Irrtum erkannt.
Diese Behauptung lässt sich schon deswegen nicht aufrecht erhalten, weil 1371 in Neumarkt keine Judenpogrome stattfanden.
Derartige Ausschreitungen sind in den Jahren 1298, 1337 und 1349 in Deutschland bezeugt.
Hier die oben aus dem Koeler'schen Buch angesprochene Stelle im Originaltext:
Cum etiam jam ab An. 1371, ut ex charta obligatoria constat, Judacorum paucae & exiles familiae in ditione Sulzburgensi vixerint, procul dubio olim in magna illa Judaeorum strage in Bojoaria edita extorres (12) & speciali Imperatoris indultu a Wolfsteiniis receptae (13), horum etiam precibus iteratis dedit Christianus Albertus, Comes de Wolf stein, consultis prius aliquot Theologorum & Jure consultorum collegiis Academicis (14), ut sacris suis operentur in majori conclavi aedificii novi pro suo ludimagistro, sive praecentore, excitati.
Die richtige Übersetzung dieser Zeilen (unter Berücksichtigung und Einbeziehung der Fußnoten 12 bis 14) sandte uns der Leiter des Diözesanarchivs Eichstätt Brun Appel. Sie lautet:
Nachdem auch schon seit dem Jahr 1371, wie aus einer Schuldverschreibungs-Urkunde bekannt ist, wenige und ärmliche Judenfamilien im Sulzbürger Gebiet gelebt haben, die ohne Zweifel einst bei jener großen Verfolgung der Juden in Bayern heimatlos geworden (12) und mit besonderer Bewilligung des Kaisers von den Wolfsteinern aufgenommen worden sind (13), hat diesen auf wiederholte Bitten Christian Albrecht Graf von Wolfstein gewährt, nachdem zuvor einige akademische Kollegien von Theologen und Rechtsgelehrten befragt worden waren (14), daß sie ihrem Gottesdienst obliegen dürfen in einem größeren Zimmer des neuen Gebäudes, das für ihren Schulmeister oder Vorsänger errichtet worden war.

Die in der Übersetzung vermerkten Fußnoten 12 bis 14 besagen:
Anm. 12
Die Juden-Verfolgung von 1298 ist die sog. Rindfleisch-Verfolgung, die ganz Franken und Bayern nördlich der Donau erfasst hat.
Anm. 13
bringt nur allgemeine Belege für den kaiserlichen Judenschutz.
Anm. 14
Der Inhalt des Falls ist mit diesen Worten vorgelegt worden den Kollegien der Theologen und Rechtsgelehrten, um deren Meinungen zu erfahren: Im Gebiet des Theodosius (um die Gelehrten nicht zu beeinflussen, wird statt Graf von Wolfstein ein beliebiger lateinischer Name genannt), der unter den vornehmsten des Reichs seinen Platz hat, leben seit langer Zeit 12 Familien von ungelehrten Juden, die 6 Häuser bewohnen und das Geschäft des Viehhandels ausüben. Diese kommen zu ihrem Herrn, bitten, darauf flehen sie, um die Erlaubnis eine Wohnung zu erbauen, bestimmt für ihren Schulmeister, der ganz jung und in der Rabbinischen Literatur erfahren ist, und in dieser ein Zimmer auszuschmücken, das mehr zu ihrem Gottesdienst geeignet ist als jener sehr enge Raum, im 2. Geschoss eines benachbarten jüdischen Hauses, der ihnen zuvor zur Ausübung ihrer Religion gestattet worden ist.
Ihnen diese Erlaubnis zu gewähren, haben befürwortet die Fakultät der Theologen der Universität von Rostock in einer Antwort, gegeben am 6. Oktober des Jahrs 1706, und von Halle am 27. August des Jahres 1707, denen zugestimmt hat die Juristische Fakultät der Universitäten Gießen vom 8. April des Jahrs 1707. Dasselbe aber haben verneint die Theologen von Wittenberg am 5. November des Jahres 1706 und Johann Konrad Feuerlein, Vorsteher der Kirche (und des Gymnasiums) von St. Egidien in Nürnberg am 11. Februar des Jahrs 1705, wie ihre erbetenen Gutachten zeigen.

Brun Appel schreibt hierzu weiter:
Zu 1371: Die Regesta Boica IX, 262 faßt unter dem 15. Juni 1371 in München liegende Urkunden folgendermaßen kurz zusammen:
Hylpolt von Stain gelobt den vesten Ritter Stephan von Wolfstain, der mit ihm hintz Salmon Ingolstetter und Hassmann den Juden von Newnmarkt um 800 Gulden Selbstschol geworden, die mit dem Fürslag auf die nächsten Oberisten (= Dreikönigstag) 1000 Gulden werden, der Bürgschaft zu ledigen. Gegeben am St. Veits tag.

- Möglicherweise hat Max von Freyberg beim Regestenmachen in der Urkunde einiges übersehen, oder Koeler, dem der Wortlaut wohl vorgelegen hat, hat einiges hinein interpretiert. Im Regest ist jedenfalls nur von Juden in Neumarkt die Rede. -
Koeler will nur sagen, dass es 1371 bereits Juden in Sulzbürg gibt - als Beleg hat er die Schuld­ver­schreibung - und meint, sie hätten sich bereits im Zusammenhang mit der Verfolgung von 1298 hier angesiedelt; er projiziert die später selbständige Herrschaft Sulzbürg ins späte 13. Jh. und kann somit von Bayern (nicht Böhmen!!) als Ausland sprechen.
Die 12 Familien existieren um 1700, als die Fakultäts-Gutachten angefordert werden, und werden erst von Löwenthal ins 14. Jh. versetzt, ebenso wie Christian Albrecht. (203f.)
Von 1480 haben wir einen lateinischen Visitations-Bericht des Kanonikus Johannes Vogt. Er bringt auch verschiedentlich Nachrichten über die Juden, die allerdings sehr knapp sind: Der Pfarrer von Sulzbürg, Magister Jakob Griesser, berichtet, er habe Juden in seiner Pfarrei, die keine Abzeichen tragen und die allermeist Umgang mit den Christen haben. Vom Frühmesser in Rocksdorf erzählt der Nieder-Sulzbürger Kaplan Ulrich MurIl, dass er häufig vom Wein trunken sei und dabei Geschrei mache gegen die Juden (faciat clamores contra Judeos). (DAEI B230, 78 u. 79').
- Die Feststellung, dass Christen und Juden miteinander verkehrten und dass letztere sich in der Kleidung nicht von den Christen unterschieden, wiederholt sich in dem Bericht fast überall, wo Juden leben. Es gibt also in unserer Gegend im späten 15. Jh. keine Gettos. Hiermit dürfte die Übersetzung aus dem ,,Koeler" nicht nur richtiggestellt sein, sondern auch klar zeigen, wie die seit langem verbreitete Mär von den flüchtenden 12 Judenfamilien entstehen konnte.

Auch Dr. M. Weinberg - also ein hervorragender Kenner der Materie - schreibt in seinem Buch ,,Geschichte der Juden in der Oberpfalz, IV. Sulzbürg 1927." folgendes: ,,Die erste faßbare Spur einer Anwesenheit der Juden in Sulzbürg finden wir in einer Schuldurkunde (charta obligatoria) aus dem Jahre 1371, deren von Köhler (5. 257) ohne Angabe irgendwelcher Personalien Erwähnung getan wird."
In der ,,Germania Judaika", Band II, von ZVI AVERNI von 1968 finden wir diese ominöse Jahreszahl 1371 ebenfalls. Dort heißt es auf Seite 813 u.a.: ,,1331 gestattete Ludwig der Bayer seinem Landvogt Heinricht von Dürrwangen, in Sulzbürg oder Dürrwangen, zehn Juden anzusiedeln und zu besteuern. Ob sich daraufhin Juden in Sulzbürg niedergelassen haben, ist nicht bekannt; bezeugt ist jedoch eine Synagoge im Jahre 1371." Averni bezieht sich hierbai auf Dr. Th. Stark der diese Zahl wiederum Löwenthals Buch ,,Geschichte des Schultheißenamts und der Stadt Neumarkt .. .,, entlehnt. Auch Dekan L. Graf übernimmt von Löwenthal diese Jahreszahl und die 12-Familien-Geschichte in seinem Buch ,,Helfenberg: Die Burg und Herrschaft .. (S. 110).
In der deutschsprachigen ,,Israelitischen Zeitung" vom 10. November 1932, Jahrgang 49, Nr. 24 veröffentlichte Obermedizinalrat Dr. Joseph Weigl einen umfangreichen Artikel mit der Überschrift ,,Sulzbürg, die alte jüdische Siedlung". Er vertritt die Meinung, dass die Ansiedlung jüdischer Familien in Sulzbürg bis um 1300 zurückgeht. Er benützt die Zahl 1371 nicht. Dafür erfahren wir von ihm einige andere Jahreszahlen. Er schreibt u.a.: Die allgemeinen Bestimmungen der Fernhaltung der Juden von Gewerbe und Landwirtschaft traten auch hier (wie überall) in Sulzbürg in Kraft; den Juden blieben der kleine Handel und das Geldgeschäft. Die Behandlung seitens der Landesherrschaft war wohlwollend. 1705 waren in Sulzbürg 12, 1755 schon 30 jüdische Familien mit 141 Personen ansässig.