Jüdische Gebäude in Sulzbürg

Die erste Synagoge entstand um 1706; bis dahin fand der Gottesdienst in einem Raum des oberen Stockwerkes eines jüdischen Hauses statt.

Altes Judenhaus

Obiges Foto (Repro) zeigt eines der alten Judenhäuser. Es wurde wegen Baufälligkeit 1942 abgebrochen. Rechts als Anbau sieht man die Synagoge, die 1706 an das Gebäude angebaut wurde.
In Wirklichkeit war dieser Anbau nur eine Art Betsaal. Vermutlich verfügte die Sulzbürger Judengemeinde jedoch schon 1677 über eine Synagoge.
Diese Annahme wird durch eine Rötelskizze gestützt, die der Sulzbürger Maler Karl Brunner angefertigt hat. Sie zeigt einen ,,Chuppa­Stein" (zu deutsch Hochzeitsstein)
Ein solcher Stein befindet sich an jeder Synagoge. Zu ihm gingen Brautpaare am Abend vor ihrer Hochzeit, um durch Zerschlagen von Steingut- oder Porzellangeschirr an ihm, die Zerstörung des Tempels von Jerusalem symbolisch nachzuvollziehen und in Erinnerung zu bringen.
Chuppa-Steine zeigen den sechseckigen Judenstern, um den in bestimmter Anordnung die Worte ,,Kola-Kol-Two-Masal" eingemeißelt sind; zu deutsch: ,,Braut - Freude - Viel - Glück". Unter dem Stern ist jeweils das Jahr in jüdischer Zeitrechnung zu lesen, in welchem die entsprechende Synagoge erbaut wurde.
Die Brunner'sche Skizze zeigt (umgerechnet) die Jahreszahl 1677. Leider ist dieser Hochzeitsstein, der zu Lebzeiten Brunners noch vorhanden war, verlorengegangen. (Eine Erläuterung der jüdischen Zeitrechnung folgt später.)
Nachdem der 1706 erbaute Betsaal viel zu klein wurde, baute man 1799 eine neue, große Synagoge. Ihr äußeres Aussehen hat sich bis heute nicht sehr geändert. Im Inneren dagegen wurde sie völlig umgebaut. Dies geschah nicht bei der 1849 durchgeführten Renovierung, sondern erst, als sie während der Hitlerzeit zu einem Wohn- und .Geschäftshaus umgestaltet wurde. In der Kristallnacht war sie 1938 verwüstet worden.

Synagoge

So hat diese Synagoge früher von Nordosten her ausgesehen. In dem erkerähnlichen Anbau wurden in einem Schrein die heiligen Schriften - die Thorarollen - aufbewahrt. ,,lnnen" - so schreibt uns Herr Pfarrer Leistner - ,,an diesem Erkeraufbau war eine Art Podium mit Lese- und Predigtpult. Der Männereingang, wenigstens in meiner Kindheit, war unten im Hof (Süden zur Gastwirtschaft zu) im Schächtraum. Dieselbe Türe war auch der Eingang in die Schule; rechts in die Schule und geradeaus in den Gottesdienstraum. Der Fraueneingang" - so schreibt Pfarrer Leistner weiter - ,,war oben nördlich (Bem.: Das Gebäude ist so in den Berg hineingebaut, daß der rückwärtige Eingang höher lag als der untere) der zugleich der Eingang in die Lehrerwohnung war; rechts in die Lehrerwohnung und links in die Empore der Frauen, die vergittert war ..

Fraueneingang

Die beiden hier gezeigten Fotos geben einmal den Blick von der Bergseite aus wieder, also die mit dem Fraueneingang, zum anderen das Gebäude, wie es heute von Südwesten aussieht. Auf dem ersten Foto sieht man auch das wunderschöne heute noch original erhaltene Walmdach.

Haus2

Wenn wir hier von den Sulzbürger Synagogen sprechen, müssen wir gleichzeitig auch etwas über die dazugehörigen Ritualbäder sagen. Diese Bäder mussten Jüdinnen nach jeder monatlichen Regel aufsuchen, um ein Vollbad zu nehmen, denn nach jüdischer Auffassung macht dieser körperliche Vorgang die Frauen unrein. Das älteste in Sulzbürg noch bekannte Ritualbad befand sich im Erdgeschoss des Hauses Nr. 72. Es ist dies eines der Judenhäuser, die noch in der Zeit der Wolfsteiner für die jüdische Gemeinde als eine Art Ghetto gebaut wurden, und die wohl die ältesten in Bayern noch stehenden Eigentumswohnungen enthalten. Haus Nr. 72 ist auf folgendem Foto das rechte Gebäude (Heute: Hinterer Berg 3).

Ritualbad

Wahrscheinlich zusammen mit der neuen Synagoge wurde auch das neue Ritualbad gebaut. Es stand am Weg, der von Sulzbürg nach Hofen führt, gegenüber den Häusern Nr. 97 und 98 (Heute: Schwabengasse 8 und 4). Das kleine, etwa 7 bis 8 Meter lange Gebäude war in den Hang beziehungsweise in eine Mauernische gestellt worden. In der Vorderfront des Bades befand sich außer der Tür nur noch knapp unter dem Dachvorsprung ein schmales, querliegendes Fenster. Es spendete im Inneren nur spärliches Licht. Die Breite des Badehauses - im Volksmund die ,,Judentunke" genannt - dürfte etwa 3 Meter gemessen haben. Zwei Stufen führten hinter der Tür zum Bad hinab. Dort gab eine Quelle das notwendige Wasser. Es wurde zur Vorbereitung und Erhitzung in einen Kessel gepumpt.
Wenn wir vorerst nur die verschiedenen Gebäude der jüdischen Bevölkerungsgruppe Sulzbürgs beschreiben, dürfen wir das Wohnhaus Nr. 102 (Heute: Vorderer Berg 6) nicht unerwähnt lassen. Dieses Haus war früher ein jüdisches Erholungsheim und gehörte der jüdischen Jugendorganisation ,,ESRA". Aus Nürnberg und vor allem Fürth kamen damals oft Buben und Mädchen dieser Organisation nach Sulzbürg. In den Jahren 1927 bis 1930 war auch einige Male für je etwa 14 Tage der spätere Außenminister der USA, Henry Kissinger, der ein gebürtiger Fürther ist, in diesem Heim.

1934

1934 wurde dieses Haus zu einem Müttererholungsheim der NS­Frauenschaft umgewandelt.
Da wir keine Memorbücher zur Verfügung haben, müssen wir uns, um über einzelne Judenfamilien berichten zu können, nach einer anderen Quelle umsehen.

Der israelitische Friedhof erscheint uns dafür besonders geeignet. Bevor wir ihn jedoch beschreiben und auswerten, erst ein paar Zeilen über Sinn und Geschichte der oben erwähnten Memorbücher.

Es ist allgemein bekannt, dass der jüdische Bevölkerungsteil Deutschlands - und auch anderer Länder - schon seit vielen hundert Jahren Verfolgungen ausgesetzt war und noch ist, und dass in besonders hasserfüllten Zeiten Angehörige dieses Volkes grausam hingemordet wurden. Im späteren Mittelalter war dies vor allem in den Jahren 1096 und 1298 der Fall. Während der damaligen Judenmassaker entstand der israelitisch-religiöse Brauch, der so umgebrachten Opfer am folgenden Sabbat feierlich zu gedenken und sie zu ehren.
Das ,,Memmern", wie man diesen Brauch nennt, wird vor allem kurz vor dem ,,Schawuotfest", das zeitlich etwa mit dem christlichen Pfingstfest zusammenfällt, vorgenommen, ebenso am ,,Tischabe -Aw", (auch Tischohb - aw), einem Festtag, der als höchster Trauertag im jüdisch-religiösen Jahresablauf gilt und mit strengem Fasten verbunden ist.

Der Entstehungsort des Memmer-Ritus ist Mainz. Hier fanden 1096 besonders grausame Judenpogrome statt. Die hierbei Gemordeten wurden einer Heiligung unterzogen (Kiddusch) und so nicht nur zu Märtyrern, sondern zu Heiligen erhoben (K'dauschin). Gleichzeitig wurden sie in ein Buch eingetragen, dessen Bezeichnung - abgeleitet von dem Wort ,,Memmern" - zum Memorbuch wurde. Diese Bücher stellten nicht nur für die Judengemeinden ein geheiligtes Erinnerungsbuch dar, sondern für die Familienforscher auch ein fundreiches Nachschlagewerk. Die Sulzbürger Judengemeinde besaß ein solches Memorbuch. Es wurde 1720 von dem Ortsrabbiner Esra Jeh. Jacob angelegt.

Deckblatt

Ob es zu anderen Zeiten hier weitere solcher Bücher gab, ist zwar unbekannt, aber zu vermuten. Vor allem, da bekannt ist, dass das Jahr 1648 in den Orten Fürth, Schwabach und Sulzbürg ein regelrechtes Märtyrerjahr für die Juden war.
Das an anderer Stelle genannte, aus Pergament gefertigte Memorbuch von Sulzbürg, das angeblich von einem Rabbinatssubstituten namens Esra Löw angelegt wurde, dürfte mit dem bisher genannten Sulzbürger Memorbuch identisch sein.
Ob das Sulzbürger Memorbuch noch existiert, und wenn ja, wo, ist vorerst noch unbekannt. Zwar besitzen wir Unterlagen, nach denen die 1954 in Sulzbürg noch vorhanden gewesenen Kultgegenstände und -bücher an entsprechender Stelle in München abgeliefert wurden, aber die Auslieferungslisten enthalten kein Memorbuch.
Damit wollen wir das Thema ,,Memorbuch" abschließen, obwohl es hierzu noch vieles zu sagen gäbe. Wenden wir uns nun dem israeli­tischen Friedhof von Sulzbürg zu.