Die letzten Juden Sulzbürgs

Haben wir bisher über die früheren Judenfamilien gesprochen, so wollen wir nun unser Augenmerk auf die letzten Juden Sulzbürgs lenken.

Zu diesem Zweck entnehmen wir dem Buch ,,Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, Geschichte und Zerstörung", welches Baruch Z. Ophir und Falk Wiesemann im Verlag R. Oldenbourg, München und Wien, herausbrachten, eine Übersicht, die uns zeigt, wie viele Juden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Sulzbürg lebten, nachdem ihre Gemeinde im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts fast 200 zählte.

Jahr

Gesamtbevölkerung

davon Juden

% der Bevölkerung

1910

633

76

12,0

1925

611

42

6,9

1933

556

16

2,7

1939

526

11

2,1

1942 Anfang

-

11

-

1942 Ende

-

1

-

Obige Übersicht zeigt, dass die Juden zum größten Teil Sulzbürg schon lange vor der sog. ,,Reichskristallnacht" verlassen hatten.
Das große Auswandern von Sulzbürg begann genaugenommen schon um 1840, als viele Europäer, nicht nur Juden, nach Amerika auswanderten. Dort nahm die Industrialisierung zu dieser Zeit einen rasanten Aufschwung, so dass es die damals in der ,,Alten Welt" gerade recht und schlecht lebenden Menschen über den ,,großen Teich" zog, denn dort konnte man das ,,große Geld" machen.

So fand man dann auch immer häufiger im Neumarkter Tagblatt Bekanntmachungen oder Nachrichten wie folgende:

Bekanntmachung.

(Gesuch des Färbermeisters Nathan Neustetter von Sulzbürg, um die Bewilligung zur Auswanderung nach Nordamerika betr.)

Der Färbermeister Nathan Neustetter von Sulzbürg gedenkt mit seiner Frau und seinen drei unmündigen Kindern im Monat März kommenden Jahres nach Nordamerika auszuwandern. Alle diejenigen, welche was immer für Forderungen an die Neustetter'sche Familie zu machen haben, werden hiermit aufgefordert, diese ihre Forderungen binnen 30 Tagen bei Vermeidung der späteren Nichtberücksichtigung bei diesseitigem Gerichte geltend zu machen.

Neumarkt, den 29. Dezbr. 1845.

Königliches Landgericht.

v. Ruf.


 

Bekanntmachung.

Die Schuhmachers-Eheleute Michael und Anna Rund von Sulzbürg, dann die ledige Mauthdienerstochter Katharina Landsberger von dort beabsichtigen nach Nord-Amerika auszuwandern. Etwaige Forderungen gegen dieselben sind bis zum

18. April 1. Js.,

  • bei Vermeidung der Nichtberücksichtigung hier anzumelden.
    Neumarkt, den 30. März 1853.

    Königliches Landgericht Neumarkt.

    v. Ruf.


     

    Bekanntmachung.

    Die Oekonoms-Eheleute Johann und Margaretha Link von Sulzbürg beabsichtigen mit ihren drei minderjährigen Kindern nach Nordamerika auszuwandern. Etwaige Forderungen gegen dieselben sind

    bis zum 18. April 1. Js.,

    • bei Vermeidung der Nichtberücksichtigung hier anzumelden.
      Neumarkt, den 31. März 1853.

      Königliches Landgericht.

      v. Ruf.


       

      Bekanntmachung.

      Auf kreditorschaftlichen Antrag wird im Wege der Hilfsvollstreckung das Immobiliar-Vermögen des Handeismannes Aron Regensburger von Sulzbürg öffentlich nach §. 64 des Hypotheken-Gesetzes unter Berücksichtigung der §§. 98 -; 101 der Prozess-Novelle vom Jahre 1837 versteigert, und hierzu Kaufstermin auf

      Freitag den 26. August 1853, Mittag 12 Uhr,

      im Schmid'schen Gasthause zu Sulzbürg angesetzt, wozu Kauflustige mit dem Anfügen eingeladen werden, dass dem Gerichte unbekannte sich über Leumund und Vermögen auszuweisen haben.


      Bekanntmachung

      Der im Wochenblatte für Neumarkt St. 50 des Jahrganges 1852 ausgeschriebene Besitzstand der Schneiders-Witwe Margaretha Walk von Sulzbürg wird einer zweiten Versteigerung unterworfen, und ist hierzu Termin auf

      Samstag, den 16. April 1853, Nachmittags 3 Uhr

      in loco Sulzbürg anberaumt, wobei bemerkt wird, dass diesmal ohne Rücksicht auf den Schätzungswerth der Zuschlag erfolgt, und haben sich gerichtsunbekannte Steigerer über Leumund und Vermögen auszuweisen.

      Neumarkt, den 23. März 1853.

      Königl. Landgericht Neumarkt.

      v. Ruf.


       

      Diese Amerikasehnsucht wirkte sich in Sulzbürg sehr stark aus; bis etwa 1865 zogen viele Sulzbürger Juden aus ihrer bisherigen Heimat weg. Die nächste Abwanderung erfolgte etwa zwischen 1890 und 1906. Eine dritte Wegzugswelle machte sich nach 1925 bemerkbar. Diese beiden letztgenannten Auswanderungsschübe hatten jedoch nicht Amerika zum Ziel, sondern führten die Auswanderer in größere deutsche Städte wie Nürnberg, Regensburg, Bamberg und in das damals aufstrebende Neumarkt.

      Zur Illustration hierzu zwei weitere Meldungen aus der Zeitung:

      ,,Da es uns unmöglich war, bei unserem Wegzug von Sulzbürg nach Neumarkt sich von jedem zu verabschieden, sagen wir allen unseren Freunden und Bekannten von Sulzbürg und Umgebung ein »herzliches Lebewohl ! «

      Isaac Landecker mit Familie."

         (28. April 1904)

           

          ,,Sulzbürg, 24. Aug. (1905) Herr Metzgermeister Joseph Regensburger dahier wurde heute anstelle des nach Nürnberg verzogenen Hrn. J. Burger als Beigeordneter gewählt."

          So kam es dann, dass 1933 nur noch 16 Juden in Sulzbürg ansässig waren. Nachdem früher der Marktflecken Sitz eines Bezirksrabbinats war, verlegte Dr. Magnus Weinberg dasselbe 1923 nach Neumarkt. Er selbst war bereits 1911 nach dort umgezogen. Das Neumarkter Rabbinat hieß trotzdem weiterhin Sulzbürg, wurde aber später in Sulzbürg-Neumarkt unbenannt und 1931 mit dem Regensburger Bezirksrabbinat zusammengelegt. Dem vorgenannten Buch entnehmen wir eine Bemerkung, wonach 1935 fünf Sulzbürger Juden nach Palästina auswanderten.

          In der Synagoge hatte sich eingebürgert, dass Gemeindemitglieder einen ständigen Sitzplatz auf Lebenszeit mieten konnten. Diese Gepflogenheit wurde gemäß einem Protokoll vom 1. 12. 1888 neu fest gelegt. Der Preis betrug 100,-; M, wurde aber im Laufe der Zeit öfters verringert, so dass ein Platz 1895 nur noch 20,-; Mark kostete. Wie ernst diese Platzkäufe in der Synagoge genommen wurden, zeigt ein Prozess, den die beiden Juden Landecker und Wilhelmsdörfer Ende des vorigen Jahrhunderts gegen die Sulzbürger Judengemeinde über den Neumarkter Rechtsanwalt Hacker führten, nur weil sie keinen Platz in der Synagoge erhalten hatten. Wie wenig die Juden und ihre Gewohnheiten selbst bei höheren Dienststellen verstanden wurden, zeigt uns ein Brief, den das Königliche Landgericht Neumarkt am 20. März 1851 an die Marktgemeinde Sulzbürg schrieb. Er lautete:

          ,,Nach Angabe des Glasers Veit von Sulzbürg besitzt Sußmann Löwensteiner einen eigenthümlichen (eigenen) Stuhl in der Synagoge in Sulzbürg. Die Gemeindeverwaltung wird beauftragt, hierher binnen 3 Tagen anzuzeigen, ob Löwensteiner einen solchen Stuhl oder sonst Immobilien besitzt."

          Ophirsches Buch

          Hier noch ein Zitat aus dem Ophir'schen Buch:

          ,,In der Sulzbürger jüdischen Gemeinde bestand (neben anderen, kleineren caritativen Einrichtungen) . . . der Wohltätigkeitsverein ,,Chewrat Gemilut Chasadim" (von 1812), und von 1923 bis 1937 ein Landheim des orthodoxen Jugendbundes ,, ESRA"

          Zur Zeit des Pogroms vom November 1938 lebten noch 11 Juden in Sulzbürg. Am 10. 11. 38 wurden in der Synagoge das gesamte Inventar und die Ritualien vernichtet. Etwa 12 Thorarollen wurden mit Beilen zerschlagen, das Synagogengebäude beschädigt. Die festgenommenen Juden, nur alte Männer, schickte die Polizei nach kurzer Zeit wieder nach Hause. Ein Gemeindemitglied, dem man sogar drohte, es mit einem Thorawimpel um den Hals in der Synagoge aufzuhängen, wurde brutal verprügelt, verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau gebracht.

          1939 wanderte ein Jude aus Sulzbürg in die USA aus. Von den Ubriggebliebenen wurden sechs am 2.4.1939 über Regensburg nach Piasky bei Lublin und drei am 23. 9. in das Ghetto Theresienstadt geschickt. Über das Schicksal des letzten noch in Sulzbürg verbliebenen Juden ist nichts bekannt, außer, dass er noch am
          1. 11. 1942 in ,,Mischehe" lebte."

          In einer Sendung des Bayerischen Rundfunks vom 21. 6. 1970 (den Text dazu schrieb Frau Magda Schleip von Neumarkt) wird u. a. auch eine Frau Sophie Landecker, in Rishon le Zion bei Tel Aviv wohnhaft, genannt, die mit ihrer Mutter Hedwig und ihrem Bruder Jochen von Neumarkt nach dort ausgewandert war. Diese Familie stammte ursprünglich aus Sulzbürg.

          Den zwei letztgenannten Zeitungsmeldungen auf Seite 26 können wir zweierlei entnehmen: Zum einen war der genannte Regensburger ein Metzger, und zum anderen wurde er zum Beigeordneten (Gemeinderatsmitglied) gewählt. Aus anderen uns zur Verfügung stehenden Unterlagen wissen wir, dass er, sowie auch sein Vorgänger Burger, dar überhinaus Distriktsabgeordneter war. Die Juden hatten sich also von ,,Schutzjuden" in die deutsche Gemeinschaft integriert und waren Deutsche geworden, mit allen Rechten und Pflichten.

          ,,Schutzjuden" waren früher aus dem Ausland eingewanderte Juden, die nur als Ausländer galten, und dafür, dass sie bei ihrem neuen Herrn Schutz fanden, ein Schutzgeld (in Bayern von 100 FI. *) zahlen mussten. 1750 wurde dieser Betrag auf 150 FI.* und sechs Jahre später bei der Einführung des sog. ,,Regulativums" auf 200 FI.* erhöht. Hierzu schreibt Dr. Magnus Weinberg folgendes:

          ,,Die Familienzahl betrug 1740 beim Übergang (des Lan dls) an Bayern 19 und war bereits 1755 auf 30 angewachsen, trotz der Schwierigkeiten, die man jeder Bildung einer neuen Familie durch Heirat entgegensetzte.

          Die Vermehrung wurde durch Exulanten aus Hilpoltstein herbeigeführt. Im Jahre 1741 waren die Juden aus dem Herzogtum Neuburg, (zu dem Hilpoltstein gehörte), ausgetrieben worden; einige Familien aus Hilpoltstein hatten mit Erfolg um Aufnahme in Sulzbürg nach gesucht. Endlich wurde durch das... Regulativum vom 4. 9. 1756 der Rechtsunsicherheit der Judengemeinden ein Ende gemacht.. . . Die Höchstzahl der Judenfamilien (numerus) wurde auf 30 festgesetzt. In Wolfstein'scher Zeit hatte eine solche Begrenzung nicht bestanden."

          * (Fl. = Gulden - ; abgeleitet von Florentiner Gulden)