Integration der Sulzbürger Juden

Diese Begrenzung wurde in Sulzbürg nie recht eingehalten, so dass die Judengemeinde weiterhin anwuchs und, wie schon gesagt, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Drittel der Gesamtbevölkerung dieses Ortes ausmachte. Man vergab den Status der Schutzjudenschaft in vielen Fällen uneingeschränkt, das heißt, es durften neue Familien gegründet werden, ohne dass ein sterbender Schutzjude seine Nummer - daher numerus - für einen jüngeren Juden, der heiraten wollte, freigab. Ein solcher heiratender Jude, der über die Familienzahl 30 hinauskam, hatte lediglich mehr Schutzgeld zu zahlen. Hätte man das Regulativum seinerzeit strikt eingehalten, so hätte beispielsweise kein Jude eine einheimische Jüdin heiraten dürfen, sondern nur eine ,,Ausländerin". Jede Heirat musste damals beantragt und genehmigt werden, und das von Amts wegen. Wir besitzen im Museum eine ganze Anzahl solcher Anträge.
Doch zurück zu der angeführten Zeitungsnotiz. Sie zeigt, dass sich die Juden damals in das deutsche Volk integriert hatten. Sie konnten wählen und gewählt werden, und sie mussten, wenn tauglich, auch zum Militär. In der Zeit des 1. Weltkrieges vertrat ein Jude namens Seligmann Haas, den eingerückten Bürgermeister.
Es war in Sulzbürg mit der Zeit üblich geworden, dass das stellvertretende Gemeindeoberhaupt immer ein Jude war. Die Juden standen ihren Mann, auch im Krieg als Soldat, trotz manch spöttischer Witze.
Im Wochenblatt vom 13. 11. 1915 konnte man lesen, dass der Sulzbürger Vizewachtmeister Joseph Regensburger, ,,der seit Beginn dieses Jahres in einem preußischen Feldartillerie-Regiment auf dem östlichen Kriegsschauplatz steht, wegen hervorragender Tapferkeit vor dem Feinde und großer Umsicht im Gefecht zum Leutnant befördert wurde."
1 Jahr später wird unter dem 13. Juli berichtet, dass Albert Haas von Sulzbürg, Unteroffizier beim 1. Chevauxleger-Regiment, für tapferes Verhalten an der Ostfront das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen bekam. Im ersten Weltkrieg fielen 11 jüdische Mitbürger Sulzbürgs bei verschiedenen Einheiten an der Front. In der Heimat erhielt am 7. 7. 1917 der obengenannte Seligmann Haas den König-Ludwig-Orden für hervorragende Verdienste.
Diese Liste könnte so weiter fortgesetzt werden, aber wir wollen hier keine Eloge für die Sulzbürger Juden anstimmen, gab es unter ihnen doch ebenso Pechvögel und ,,schwarze Schafe", wie in der menschlichen Gesellschaft überall.
So veröffentlichte z.B. der Jude Süßla Bernhard Neustädter 1880 folgendes Inserat in einer Zeitung:

Bezugnehmend auf meine vor circa fünf Jahren gemachte Ausschreibung meines Sohnes Nathan Neustädler mache ich wiederholt bekannt, dass wer an denselben Geld oder Waaren verabfolgt, von mir weder Haftung noch Zahlung zu erwarten hat. Zugleich mache jene, welche an mich Zahlungen zu leisten haben aufmerksam, dass solche an Obigen unter keinem Vorwande gemacht werden dürfen, widrigenfalls sich Jedermann den Schaden selbst zuzuschreiben hätte.

      • Sulzbürg, den 22. Mai 1880. Süßla Bernhard Neustädter

    Ein andermal - im Jahre 1854 - lädt das Königliche Landgericht Neumarkt die Sulzbürger Juden Süßmann Löwensteiner und Isaak Landecker polizeilich wegen verbotenen Handelns vor, und ein Jahr zuvor wird Levi Kusel wegen des gleichen Delikts vor das gleiche Gericht zitiert. Mit Schreiben vom 3. 1. 1857 wird die Marktgemeinde aufgefordert, über Löw Löwensteiner einen Leumundsbericht einzureichen, da er wegen Unterschlagung angezeigt worden ist. Er saß nach dem Prozess bis zum 15. 11. 1858 im Gefängnis. Die Entlassung wird der Gemeinde Sulzbürg ebenfalls schriftlich mitgeteilt.

    Integration 1

    Judengegner, die es zu allen Zeiten gab, nahmen solche Vorkommnisse verallgemeinernd zum Anlass, gegen die Juden zu hetzen. Es mögen Neider, Konkurrenten oder Christen gewesen sein, die ein Jude vor längerer Zeit um Haus und Hof gebracht hatte.
    Zum letzteren muss gesagt werden, dass die jüdischen Handelsleute auch gegen ihre eigenen Brüder in Bezug auf Schulden keine Nachsicht kannten. Das beweist u.a. eine Bekanntmachung von 1861, die mit den Worten beginnt: ,,Samuel Löw von Sulzbürg gegen Abraham Löw von dort, wegen Hypothekenforderung betreffend.."
    Sicherlich waren mitunter auch die strengen Riten, die die Juden in ihrer Glaubenslehre zu beachten hatten (und auch beachteten), ein Grund für manchen Dorn im Auge der Christen. Schon 1845 sah sich der Rabbinatsadjunkt Dr. M. Löwenmayer von Sulzbürg gezwungen, einen längeren Artikel zu veröffentlichen, der die Überschrift trug:

    ,,Beleuchtung der Sage, daß die Juden zu ihren religiösen Gebräuchen Christenblut gebrauchen, und der darauf basierten angeblichen Mißhandlung eines christlichen Mädchens durch einen Juden in Thalmessingen."

    Hierzu ein Witz mit Erläuterung aus dem Buch ,,Der jüdische Witz" von Salcia Landmann.

    Er und seine Erklärung lauten:
    ,,Nach einem alten christlichen Volksglauben benützen die Juden zur Bereitung ihrer Pessach-Brote, der Mazzen, das Blut von christlichen Kindern. Pogrome begannen in früherer Zeit oft damit, dass die Pogromisten die Leiche eines geschlachteten Kindes zur Zeit des Pessach-Festes in ein jüdisches Haus schmuggelten."

    Nun der hintergründige ,,Witz":
    In einem ungarischen Städtchen geht das Gerücht um, man habe ein ermordetes Kind gefunden. Die entsetzten Juden beginnen, sich zur Flucht zu rüsten. Da kommt der Schammes (Synagogendiener) und schreit aufgeregt vor Freude: ,,Juden! Gute Nachricht! Das gemordete Kind is a Jüdin!"