Die Berufe der Sulzbürger Juden

Manchmal waren auch die Amtsstellen schuld an Hassgefühlen seitens der Juden. Hierzu ein Zitat aus dem Neumarkter Buch von Dr. Ried:

,,Auf die Klage der (Neumarkter) Kaufleute wurde der Rat von der Regierung zum Einschreiten angewiesen. Auch gegen die Juden von Sulzbürg und ihrem Hausierhandel wurde die Verordnung vom 12. Dez. 1796 und die von 1787 (verbotenes Hausieren außerhalb bestimmter Gegenden) wieder in Kraft gesetzt. Es soll ihnen aber nicht verwehrt sein, in einem bestimmten Hause der Stadt ihre Waren feilzuhalten . . . Diese Einschränkung hatte noch im 19. Jahrhundert Gültigkeit. Am 26. Januar 1839 verordnete die Regierung der Oberpfalz, daß die Hausiernot und der Schacherhandel der Juden nunmehr für den Bereich des Regierungsbezirks erlaubt werden dürfe. Die erteilte Erlaubnis müsse aber alle Jahre erneuert werden und sei unübertragbar. Bezüglich des Viehhandels wurde das Schmusen durch Juden und ihre Knechte verboten." (Schmusen jüdischer Handel)

Im Anschluss hieran ist es wohl angebracht, die Frage zu erörtern, welche Berufe die Juden ausüben durften und auch ausübten. Im Mittelalter und auch noch in den folgenden Jahrhunderten waren Juden ganz allgemein die handwerklichen und bäuerlichen Berufsstände nicht zugänglich, nicht erlaubt. Dennoch konnten die vielen kleinen Herzog- und Fürstentümer die Juden sehr gut gebrauchen. Die Herren überließen ihnen nämlich die Vermittlung und Beschaffung von Geld, sowie die ,,Besorgungen über die Grenzen hinweg". So kam es denn mit der Zeit dahin, dass die Juden das Handeln und Vermitteln so gut konnten, wie kein anderer sonst. Damit machten sie sich unentbehrlich, und es kam soweit, dass selbst Könige solche Handelsjuden an ihre Höfe beriefen. Es entstanden die Hofjuden.

Auch in Sulzbürg waren die Juden fast ausschließlich Handelsleute. In den Jahren 1889 bis 1892 waren von insgesamt 34 im Ort ansässigen Händlern 30 Juden. Da die meisten von ihnen mit nur einer Handels ware nicht leben konnten, gaben sie um mehrere Konzessionen ein. Die Aufstellung aus den genannten Jahren zeigt, mit welchen Waren die einzelnen Juden handeln durften und handelten:

Rudolf Weil: Eisen, Zigarren
Christoph Roth :Schnittwaren, auch Expeditor
Moritz Regensburger Vieh, Güter, Hopfen
Joseph Regensburger: Mehl, Eisen, Güter, Vieh, Geschmeide, auch Metzger
Johann Bamberger: Steingut, Glas, auch Anstreicher
Moses Regensburger: Mehl, Vieh

lsaak Burger: Güter
Aschur Bechhöfer: Spezereien
David Löw: Schnittwaren Arno Wolf Spezereien
Moritz Wertheimer: Kurz-, Weiß- u. Wollwaren
Emanuel Regensburger: Vieh
Rosa Löw: Güter
Georg Hauenstein: Weiß- und Rauchwaren
Leonhard Feuchtwanger: Güter
Georg Hauenstein II.: Vieh und Metzger
lsaak Grünebaum: Mehl, Vieh, auch Bäcker und Metzger
Heinrich Neustädter: Vieh
Johann Burger: Güter, Vieh
Seligmann Haas: Schnittwaren, Güter, Hopfen, Wollwaren

Berufe

Oben die ,,conzessionsverleihung für Tuchhandel" an den Juden Samuel Löw von Sulzbürg.
Unten die letzte Seite eines Handelsvertrages zwischen ,,Gastwirth J. Regensburger, Sulzbürg, und Barbara Bleisteiner v. Häuselstein, Gericht Kastl".

Philipp Neuhaus: Vieh
Heinr. Feuchtwanger: Vieh, Wolle, Hopfen, Rauchwaren
Simon Metzger: Vieh
Max Landecker: Hopfen, Rauchwaren
Joseph Bamberger: Vieh
Ludwig Landecker: Vieh
Louis Rosenwald: Agent
Hannsi Burger: Metzger
Isaak Grünewald: Mehl, Vieh, auch Bäcker

Hinzu kommen die ritualen Berufe:

 

Dr. Löwenmayer: Rabbiner
Moritz Wertheimer: Cultusdiener, auch Händler
Berta Löwenmayer: Haushälterin
Jacob Oppenheimer: Lehrer (Religion)

 

Viermal finden wir in dieser Aufstellung den Beruf des Metzgers und einmal den des Bäckers. Hierbei handelte es sich um Schächtmetzger, und der Bäcker war sicherlich ein Hersteller von Mazzen (ungesäuertes Brot), welches die Juden zum Pessach-Fest (bei Luther Passah-Fest) benötigen. Eine Schächtmetzgerei befand sich wie bereits früher erwähnt, im Westanbau der Synagoge, eine zweite im heutigen Café Engelhard. Herr Engelhard erzählte uns, dass er noch gesehen habe, wie beim Schlachten das Blut zur Tür hinaus zur ,,Misten" und von da über die Straße den Hang hinuntergelaufen ist. Der kleine Anbau, von dem wir anschließend ein Foto bringen, war der Laden, in dem das koschere (reine) Fleisch verkauft wurde. Zwischen beiden Räumen war die Engelhard'sche Schmiede, deren großer Blasebalg in unserem Museum ausgestellt ist.

Berufe 2

Wenn Christoph Roth in der Händleraufstellung auch Expeditor genannt wird, so beweist uns das, dass seines Großvaters - des Konrad Roth - Gesuch um die Einrichtung einer Karriolpost von Sulzbürg nach Freystadt und zurück, welches er am 4. 3. 1852 einreichte, damals genehmigt wurde, und dass sein Enkel diese Genehmigung auf sich übertragen ließ.
Als Begründung hatte der Säckler Konrad Roth seinerzeit die Errichtung einer solchen Karriolfahrt am 1. 3. 1852 von Freystadt nach Roth angegeben. Er wollte mit der Sulzbürger Karriolfahrt einen Anschluss an die Freystädter schaffen. ,,Ganz schön clever!" würde man heute sagen!

Eine Karriolfahrt war in der vorpostalischen Zeit eine privat eingerichtete Fahrt zur Beförderung von Briefen, Paketen und auch Personen zu bestimmten Zeiten und bestimmten Preisen auf bestimmten Strecken.

Nachtrag:

In Sulzbürg lebten Ende des vorigen Jahrhunderts noch zwei verschiedene jüdische Sprachgruppen, die sich nach Überlieferung alter Sulzbürger Einwohner, nicht sehr gut vertrugen. Die Mitglieder der einen Gruppe konnten zwar fließend deutsch, sprachen aber untereinander oft auch hebräisch. Die anderen Juden bedienten sich neben der deutschen Sprache des Jiddischen.
Hierzu ist folgendes zu sagen: Die Juden stammten ursprünglich aus Judäa. Von dort wurden sie über die ganze Welt verstreut. So bildeten sie gewissermaßen den Rest des ehemaligen Volkes Israel. Im heutigen Land gleichen Namens, unternehmen sie den Versuch, wieder ein geeintes israelisches Volk zu werden.
Die Juden sind keine biologische, sondern eine sozial-religiöse Einheit. Demnach ist es zum Beispiel falsch, von einer semitischen oder hamitischen Rasse zu sprechen, denn die Semiten und so weiter, sind sprachwissenschaftliche Gruppen.
Etwa um 900 unserer Zeitrechnung kamen die ersten Juden nach Mitteleuropa, also in die Gegend, wo das heutige Deutschland liegt. Seinerzeit hat sich die Sprache der Juden teilweise mit dem damaligen Deutsch vermischt.
Nach den spätmittelalterlichen Pogromen zogen die Juden von Mitteleuropa nach Osteuropa ab. Dort nahm ihre Sprache neuerlich fremde Sprachelemente auf, und zwar slawische.
Dieses damit entstandene Sprachenkonglomerat nennt man Jiddisch. Als die nach Osten abgewanderten Juden später wieder nach Mitteleuropa zurück kamen, behielten sie die jiddische Sprache bei. Sie war, wenn man so sagen will, auf dem Stand des Mittelalters stehen geblieben, während die deutsche Sprache in der Zwischenzeit eine Weiterentwicklung durchgemacht hatte.
Sie integrierte aus dem Jiddischen das eine oder andere Wort. Schmiere(stehen), (ver)masseln, Knast, Pleite, Tratsch oder Verriss sind in die deutsche Sprache übernommene Worte aus dem Jiddischen. Manchmal sind solche Begriffe sogar über die Brücke einer anderen europäischen Sprache ins Deutsche gelangt.
.... und Sulzbürg beherbergte vor etwa 100 Jahren beide jüdische Sprachgruppen. Beweis: Handschriftliche, in hebräischen Buchstaben verfasste Briefe, in hebräischer sowie auch in jiddischer Sprache.

Sulzbürg